Deborah Jeromin ist bildende Künstlerin und arbeitet in Leipzig und auf Kreta. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit historischen Themenkomplexen, die sie aufarbeitet und künstlerisch zugänglich macht.

Seit 2014 arbeitet sie zum Thema NS-Seidenraupenzucht als Rüstungswirtschaft und den Folgen der Luftlandeschlacht auf Kreta 1941. Ihr Interesse gilt textilen Handarbeitsprozessen, feministischer Geschichtsschreibung und NS-Orten. Dazu arbeitet sie dokumentarisch in Installationen, wie beispielsweise im Museum der Bildenden Künste in Leipzig mit der Ausstellung „Metamorphosen – seidene Fäden, die sich durch Verbrechen der deutschen Wehrmacht auf Kreta ziehen“.

Die behandelten Handarbeitsprozesse sind zeitliche Einheiten, die sich in den Körper eingeschrieben haben und auch die Erinnerung strukturiert haben.

Mit ihren Arbeiten möchte Deborah Diskurse anstoßen bzw. in ihnen mitmischen. Ziel ist es einen Kommunikations- und Verständigungsprozess in Gang zu setzen, der bereits in der Entstehung des Projektes beginnt und sich dann durch die Präsentation der fertigen Arbeit öffnet. Die jeweilige Ortsspezifik spielt dabei meistens eine große Rolle.

Für LUX19: Frauenarbeit setzt sie sich anhand von textilen Handarbeitsprozessen mit den Grenzen von Care-Arbeit und schöpferischer Arbeit auseinander.

Installationsansicht Seidentaschentuch, Heraklion, 2017

like blossoms shaken from a tree, thousands of parachutes – white, red, yellow, green and black – floated down on Crete

Recherche über NS-Seidenraupenzucht, die Luftlande- schlacht auf Kreta 1941 und die Wiederverwendung von Fallschirmseide , 2014 – 2018

Meine Recherche begann in einem Leipziger Kleingarten- verein, in dem ich selbst einen Kleingarten pachte. Auf der Suche nach der NS-Geschichte des Vereins stieß ich auf Hinweise zur Seidenraupenzucht – Maulbeerhecken, ein Schuppen für die Seidenraupen und schließlich auch ein Ordner mit Dokumenten, der die Zucht detailliert belegt. Ich verfogte das Material bis nach Kreta, wo 1941 die größte Luftlandeschlacht der Militärgeschichte statt fand. Die Deutsche Wehrmacht nahm darüber die Insel ein und besetzte sie für 3 Jahre. Während der besatzung kam es in großem Ausmaß zu Massenexekutionen und zum Nieder- brennen von Dörfern. Auf den Spuren der geschichte der Fallschirme fragte ich schließlich alte Frauen, ob sie sich noch an die Stoffe erinnern könnten und was sie mit ihnen gemacht hätten. So entstand eine Narration über die Ver- brechen der Wehrmacht auf Kreta, die die Bedingungen und die Perspektiven der Frauen im Blick hat und über die Erinnerungen an Textilien und Handarbeitsprozesse funktioniert.

In unterschiedlichen Installationen habe diese Geschichte seit 2016 präsentiert. Sie ist eine Erweiterung der verbreiteten Heldenerzählung, ein Versuch eine andere, möglicherweise feministische Geschichte zu erzählen und den alten Zeitzeuginnen Gehör zu verschaffen.

Filmstills Nach Strich und Faden, Deborah Jeromin
Baby, don‘t go GRASSI invites #1 fremd, GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig 5 Keramikplatten, Vasen, Mittelmeerwasser Keramikplatten 20x25x1 cm, Vasen ca. 12x30x12 cm

Fünf Keramik-Platten zeigen eine Auswahl von Warnungen vor „illegalem“ Grenzübertritt oder Aufenthalt in der EU. Sie dienen zur verbalen Abgrenzung und Abschreckung derer, die als Menschen zweiter Klasse grundlegende Rechte nicht besitzen. Diese Abgrenzungen bezeugen die Hoheit der EU, Ost-West- bzw. Nord-Süd-Gefälle und koloniale Kontinuitäten. In Keramikplatten eingeritzt ist diese Information für eine sehr lange Zeit gespeichert. Ähnlich den keramischen Exponaten im Grassi-Museum für Völkerkunde, die außereuropäische Geschichte erzählen, wird hier die Erzählung um einen europäischen Beitrag ergänzt. Der archaische Aspekt an der Verteidigung Europas sowie der Glaube an fixe Grenzen bzw. Kulturkreise steht hierbei im Vordergrund und in Frage.

Die Muster bzw. Abbildungen auf den drei Vasen sind an die Medienbilder der letzten Zeit angelehnt und geben mit dekorativem und folkloristischen Schein völkische bzw. europäische, aktuelle Verhältnisse wieder. Zu sehen sind in ineinandergreifenden und sich wiederholenden Abbildungen wartende Menschen, die Silhouetten von Bootsinsassen und Springender, eine Polizeikette, der Aufbau des europäischen Grenzzaunes unter Palmen, Wellen und Zäune. Das Salz des Mittelmeerwassers in den Vasen diffundiert nach und nach durch sie hindurch und das Wasser verdunstet. Somit ergänzt sich die Arbeit durch einen vergänglichen Faktor, der die Substanz durchlässiger erscheinen lässt und den Behälter als Speicher infrage stellt.